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Bücher zum Thema "Gesellschaft" - Übersicht:

Alles in Butter - oder was?
Assassini
Auf ein Wort
Aufgeklärte Religion - ein Weg zum Frieden
Business Reframing - Das Ende der Moden im Management
Das Aikido-Prinzip
Das Gesetz über dem Recht
Das größte Geheimnis, Teil 1
Das Schiff der Visionen
Der Schwarm
Die 68er: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"
Die Entdeckung des Himmels
Die heilige Matrix
Die Jack-Welch-Methode
Die Kraft gelebter Visionen
Die weiße Massai
Exponentialdrift
Familie Haus Arbeit Auto CityEl
Grameen
Hände weg von diesem Buch
Illuminati
Ismael
Mein Weg führt nach Tibet
Menschenjagd
Mythos Motivation
Psychopolitik
Richtig bewerben - Wie Sie Ihren Traumjob finden
Sakrileg
Treibhäuser der Zukunft
Von der Micky Mouse zum Weltkonzern
Wachstum an Menschlichkeit - Humanismus als Grundlage
Weltmacht USA - ein Nachruf
Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror
Wir Untertanen
Zurück aus Afrika



Die 68er: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!", Rolf Uesseler: Ich möchte diese Buchbesprechung vor allem aus Zitaten zusammenstellen, die am besten zu zeigen imstande sind, wie tiefgründig der Autor diese mittlerweile schon fast mythifizierte Generation und Zeit untersucht. Das Buch macht deutlich, dass die Erkenntnisse aus der 68er-Generation heute mehr denn je gültig und aktuell sind!
Die Ziele der 68er waren (S. 319): Die Ablehnung der bestehenden Verhältnisse mit ihren ungleichen Besitzverhältnissen, ihrer sozialen Ungerechtigkeit, ihren auf Intoleranz aufgebauten Entscheidungsstrukturen und der Wille, diese zu verändern und zu überwinden, beseelte die Stundentenbewegung der 60er Jahre. (S. 281): Wie in allen anderen Fragen, wie bei allen anderen Problemkomplexen auch, strebten die 68er keinen revolutionären Staat á la UdSSR, China, Nord-Vietnam oder Kuba an, sondern sie drängten auf eine Entfaltung der Demokratie in Deutschland. Sie wollten keinen Umsturz - auch wenn die Springer-Presse dies der Bevölkerung erfolgreich suggerierte -, sondern eine Veränderung und Überwindung des Status quo in Richtung mehr Demokratie. In dieser verbesserten Demokratie sollte der Zusammenhang zwischen dem Ideal der Freiheit und dem der Gleichheit sichtbar sein. Das dritte Ideal der Französischen Revolution, nämlich die Brüderlichkeit beziehungsweise Solidarität, strebten die Studenten zwar auch an, allerdings war ihnen klar, daß es noch sehr viel schwieriger sein würde, dieses umzusetzen. Die 68er-Generation wendete sich zuerst vor allem gegen die hierarchischen Strukturen, die als Folge der kaiserlichen und SS-Strukturen den zweiten Weltkrieg überdauert hatten, und den Bürger weiterhin weitgehend entmündigten. Die wissenschaftliche Ausbildung in den Universitäten (von dort ging diese Bewegung aus) diente ausschliesslich zur Befriedigung der Akademiker- Bedürfnisse der Wirtschaft (S. 211, Fettdruck in allen Zitaten von mir): "Angesichts der Entwicklungen in den Hochschulen ersuchen die Professoren den Staat und die gesamte 'Öffentlichkeit', sie in ihrem bisherigen Status gegenüber den Studenten zu stärken. Die Professoren bieten als Gegenleistung die stromlinienförmige Indienstnahme der Ausbildung und der Forschung für die Zwecke der herrschenden Kapitalinteressen." Weiterhin wendete sich die 68er-Bewegung gegen die völlige Verdummung des Bürgers mittels Werbung und gezielten Manipulationsstrategien (S. 182): "Dieser (allgegenwärtige Druck des Systems) ... degradierte durch eine repressive und destruktive Produktivität alles zur Ware und stilisierte den Kauf beziehungsweise Verkauf von Dingen zum einzigen Lebensunterhalt und Lebensinhalt." Das weitgehende Scheitern der 68er-Bewegung kann man auch darin erkennen, dass gerade dieser letzte Satz heute offensichtlich und nach wie vor gültig ist! Als Folge (des Scheiterns) der 68er-Bewegung findet der Autor folgende Punkte: das Entstehen der RAF, Kunst, "innere Pressefreiheit", die Partei "Die Grünen", Feminismus und interdisziplinäres Arbeiten. Gescheitert ist die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft.
Diese fehlende Demokratisierung ist nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit und zur Zeit besonders in dem demokratischen Möchte-Gern-Aushängeschild USA zu beobachten. Der Autor zitiert dazu Frantz Fanon (S. 232): Amerika bezeichnete er als ein Land, "das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft."
Und schon die Studenten von ´68 mussten erfahren, was heute immer noch gültig ist (S. 261): "... vielmehr ist die Gleichschaltung der Presse so weit fortgeschritten, daß kritische politische Inhalte gleichsam von selbst durchfallen." (S. 267): Axel Springer wollte die öffentliche Meinung beeinflussen und die Meinung des 'kleinen Mannes' formen, und das gelang ihm auch in den 60er Jahren in steigendem Maße. 'Bild ist das Blechinstrument', sagte der langjährige Vorsitzende der deutschen Journalistenunion, der Redakteur Eckhart Spoo, 'mit dem das große Kapital dem kleinen Mann den Marsch bläst.'" (S. 277/278): "Für den Zustand der Presse ist bei uns charakteristisch: Die Zeitungen sind ... im Privateigentum von Verlegern. Was heißt das? Das heißt vor allem, sie müssen rentabel wirtschaften. Nach Lage der Dinge funktioniert das nur, wenn möglichst viele Einnahmen durch den Abdruck von Anzeigen erzielt werden. Das Verhältnis von Anzeigenerlösen zum Verkaufserlös beträgt heute durchschnittlich 70 zu 30 Prozent. Dieses Verhältnis allein verdeutlicht schon, daß privatwirtschaftlich organisierte Presse nur in Abhängigkeit zur werbetreibenden Industrie betrieben werden kann, mithin das herrschende ökonomische Prinzip selbst verkörpert. Die liberale Grundannahme, das Konkurrenzprinzip bewirke Vielfalt der Aussage, steht zumindest im Zeichen der Pressekonzentration in Frage, genauer: ist Ideologie. Pressevielfalt spielt sich längst nur noch an der Oberfläche ab. Im Kern, wenn´s um den Erhalt dieses ökonomischen und politischen Systems geht, das dem Presseverleger seine Privilegien ja erst ermöglicht, herrscht Konformität, reduziert sich Pluralismus auf die vielfältige Abwehr von Systemveränderern."
Interessant ist die Reaktion der herrschenden Schicht auf die Forderungen der 68er auch deshalb, weil man deutliche Parallelen zu der Reaktion der USA auf die angeblichen Anschläge auf das WTC vom 11.9.2001 erkennen kann: Notstandsgesetze beschränkten Bürgerrechte und Freiheiten (S. 301/302): Worum also ging es genau bei den Notstandsgesetzen, daß sie einen so geballten Widerstand nicht nur auf seiten der Studenten, sondern auch von Gewerkschaften und Kirchen hervorriefen? Im Prinzip handelte es sich um die Suspendierung der Demokratie im Falle eines nicht näher präzisierten 'Ernstfalles', den Regierung und/oder NATO als 'Notstand' deklarieren konnte. Mittels der Notstandsgesetze ließen sich Grundrechte außer Kraft setzen, vor allem die Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Postgeheimnis, die Freizügigkeit und die freie Berufswahl. Daneben erklärten die Gesetze den Streik praktisch für illegal und raubten so der Einheitsgewerkschaft ihre stärkste und geradezu existentielle Waffe. Außerdem hoben sie faktisch die Garantie der Offenheit des Rechtsweges auf sowie die parlamentarische Kontrolle über die Regierung beziehungsweise die gesamte Exekutive. Praktisch wurde es durch die Notstandsgesetze möglich, die Bürger am Verlassen ihres Wohnortes zu hindern, die Bundeswehr als Ordnungsmacht im Inneren einzusetzen, die Einwohner für von der Regierung festgelegte Aufgaben zu verpflichten, Jugendliche zur 'Gefahrenabwehr' zwangszuverpflichten und zwangszukasernieren, die Wissenschaftsfreiheit aufzuheben und so weiter und so fort. Das IG-Metall-Vorstandsmitglied Georg Benz sagte dazu (S. 306/307): "Die Gefahr, die uns droht, ist der totale Staat im Gewande der Legalität - die Diktatur hinter der Fassade formaler Demokratie. Mit großem Erfolg hat man die Mehrheit der Bevölkerung von dieser großen Gefahr im Inneren ablenken können ...

  1. Immer mehr konzentriert sich die wirtschaftliche Macht in den Händen einer immer kleiner werdenden Gruppe. ...

  2. Der militärische Einfluß auf das wirtschaftliche und politische Leben bestimmt immer mehr die Haushalts- und Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik. ...

  3. Ein System der politischen Überwachung und der politischen Justiz, immer lückenloser weiterentwickelt, droht alle eigenwilligen staatsbürgerlichen Regungen zu ersticken. ...

  4. Die immer tiefer dringende Irreführung und Täuschung der öffentlichen Meinung, wie sie von der modernen Bewußtseinsindustrie, mit dem Springer-Konzern an der Spitze, praktiziert wird, droht die Demokratie zu ersticken.

Die Demokratie war also bereits in den 60er in akuter Gefahr; heute existiert sie in weiten Bereichen nur noch auf dem Papier. Eine solche Entwicklung haben die "Väter" des Grundgesetzes wohl vorausgesehen, worauf der Artikel 20 hindeutet, der entsprechende Gegenmaßnahmen impliziert (S. 308/309): "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat." Das "ist" muß dabei durchaus als Handlungsaufforderung gesehen werden: Die Bundesrepublik ist nämlich nicht per definitionem ein demokratischer und sozialer Bundesstaat, sondern hat sich auch in jeder Phase ihrer Existenz darum zu bemühen, es zu sein. Das Sozialstaatsprinzip ist eine grundlegende Handlungsmaxime. Daher ist es zusammen mit dem Demokratie- und dem Bundestaatsprinzip, der Unantastbarkeit der menschlichen Würde, den Menschenrechten, dem Friedens- und Gerechtigkeitsgebot mit einer sogenannten Ewigkeitsklausel ausgestattet. Es steht also nicht Belieben der Gesellschaftsmitglieder und vor allem nie im Belieben von Regierung und Parlament, das Sozialstaatsprinzip zu beachten oder auch nicht. Es zählt mit einigen wenigen anderen zu den ranghöchsten Verfassungsnormen. Das heißt auch, daß selbst die Dritte Gewalt, die Justiz, bei der Rechtsprechung jegliche mit dem Sozialstaatsprinzip in Konflikt stehende oder geratene Rechts- und Verfassungsnorm (wie zum Beispiel die Eigentumsgarantie in Artikel 14 Grundgesetz) diesem unterzuordnen hat. Die mögliche Enteignung ganz weniger, die die Gesellschaft in ihrem ganz persönlichen höchst egoistischen Sinne steuern, zum Wohle der Allgemeinheit wäre durchaus eine mögliche Handlungsvariante in der Bundesrepublik, die durch das Grundgesetz nicht nur gedeckt, sondern als notwendig angesehen wird: (S. 314/315) Nun war es ja nicht so - wie die Massenmedien der Bevölkerung permanent glaubhaft zu machen versuchten -, daß das Grundgesetz Sozialisierungstendenzen ausschloß, sofern sie in der Gesellschaft bestanden. Anders als die Parteien - allen voran die christlich-demokratische und christlich-soziale - unermüdlich propagierten, war in Artikel 15 auch eine mögliche Enteignung von Produktionsmitteln vorgesehen, wenngleich das Grundgesetz den produktiv tätigen Unternehmen ihr Eigentum an und für sich garantierte. Artikel 15 sah diese Maßnahme nicht nur theoretisch vor, sondern regelte zugleich, wie eine Enteignung mit der entsprechenden Entschädigung rechtlich korrekt vonstatten zu gehen habe. Insofern behaupteten also die Unternehmerverbände und die Springer-Presse zu Unrecht, jede Forderung nach Enteignung oder Sozialisierung von Eigentum an Produktionsanlagen stelle einen Angriff auf die Verfassung dar. Wie Unternehmer - ihre Verbände, Parteien und Medien - es auch drehten und wendeten, das ganze Gerede von Kommunismus, Umsturz und Verfassungsbruch entpuppte sich als eine schlecht getarnte Ideologie, als Abwehrstrategie zur Verhinderung einer anderen, eventuell gerechteren Verteilung des Volkseinkommens. Dass diese massiven Eingriffe - evtl. auch mit Enteignungen oder Sozialisierungen von Eigentum - keine reine Theorie sein sollten, hob der Staatsrechtler Wolfgang Abendroth, den die SPD wegen seiner Kritik am Godesberger Programm aus der Partei ausgeschlossen hatte, hervor (S. 317): Sozialstaatliche Eingriffe zur Umgestaltung der Wirtschafts- und Sozialordnung seien dann notwendig, wenn das menschenwürdige Dasein einer Gruppe der Gesellschaft bedroht werde. Ist es nicht ein "Zufall", dass genau dieses derzeit besprochen wird? Oder wie würden Sie die Diskussion darüber bewerten, dass Senioren ab einem bestimmten Lebensalter nur noch eine medizinische Minimalversorgung erhalten sollen?
Selbst die Studenten der Ökonomie, die diese Mißstände als erste aufdecken sollte, brauchten lange, um die Mechanismen zu verstehen, die zu den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten geführt hatten; kein Wunder, dass (S. 313) im Bewußtsein der meisten Deutschen die tieferen Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit ausgeblendet blieben. . (S. 314): In der Ökonomie beispielsweise wurden Fragen etwa nach der Entstehung gesellschaftlichen Reichtums oder nach den Mechanismen seiner Verteilung nicht einmal mehr in das Blickfeld wissenschaftlicher Arbeiten gerückt. Die Wissenschaftler und Professoren hatten sich schlicht von dieser Materie verabschiedet und widmeten sich statt dessen mit wachsendem Eifer abstrakten Modellen: Diese boten nämlich den Vorteil, so viele Lichtjahre von der konkreten wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Realität entfernt zu sein, daß für sie selbst keine Gefahr bestand, als Sachkundige etwas zur Aufhellung der konkret vor ihren Augen ablaufenden Probleme beitragen zu müssen. Mitte der 60er Jahre konnten die Studenten am eigenen Leibe erfahren, wie die Wirtschaftswissenschaften zur Rechtfertigungsideologie der herrschenden Zustände verkommen waren.
In typisch deutscher Manier endeten die 68er mit der Niederschlagung dessen, was man für einen Aufstand gegen Recht und Ordnung hielt - zumindest wurde es der breiten Masse so verkauft. Im Januar 1972 folgte dann noch ein Nachspiel zur Züchtigung und Disziplinierung der "Aufständischen", der als "Radikalenerlaß" den Segen der Ministerpräsidenten aller Länder wie auch die Unterschrift des Friedensnobelpreisträgers und Bundeskanzlers Willy Brandt erhielt (S. 337/338): Dieser Erlaß erklärte nicht nur die Überprüfung aller Personen für möglich, die sich für den öffentlichen Dienst bewarben oder schon in ihm tätig waren. Zudem stellte er es auch dem Ermessen der Exekutive und ihrer nachgeordneten Verwaltung anheim, Personen wegen politischen Einstellung und Ideen jederzeit abzulehnen. In der Folge legte sich über die gesamte Bundesrepublik ein feinmaschiges Netz von 'Gesinnungsschnüffelei', das derjenigen in der damals noch bestehenden DDR mit ihrer Stasi kaum nachstand. Und dabei gilt es den nicht unwesentlichen Unterschied zu beachten, daß in der BRD der Kreis derjenigen, die mit dem Bestehenden nicht einverstanden waren, sehr viel kleiner war.

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Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch: Dieser Roman beschreibt die Lebensgeschichte zweier sehr ungewöhnlicher Männer, die sich "zufällig" begegnen und sich geistig sehr nahe sind und kommen. Der Roman bekommt dadurch zusätzliche Würze, dass das Leben dieser beiden und die Ereignisse eines Buches ganz gezielt durch "höhere Mächte" gesteuert werden; einen der Dialoge dieser Mächte möchte ich zitieren (Fettdruck von mir): … und eines Tages werden sie Menschen nach ihrem Angesicht fabrizieren - das oft schon jetzt so leer ist wie das von Puppen: Anstelle eines Gesichtsausdrucks haben sie Dinge, Autos zum Beispiel, und wenn das so weitergeht, werden sie bald selbst wie Dinge sein. ... Wissen ist Macht, ja, aber nicht nur über die Natur, auch über die Menschen und über uns. Die Erde hat sich endgültig in ein verdammtes Haus Salomos verwandelt, die Menschen brauchen uns nicht mehr, wir sind Märchen für sie geworden, Kuriosa, Literatur... Erinnerst du dich noch an die Fragen, die der Chef einmal auf Hiob abgefeuert hat - ob er seine Stimme zu den 'Wolken erheben könne, ob er das Meer mit Türen abschließen könne und was weiß ich was noch alles? Natürlich konnte er das nicht, das konnte allein der Chef, und nun schau dir mal an, was unser Hiob jetzt alles kann. Da sind Sachen dabei, die sogar dem Chef völlig neu sind. Luzifer hat gesiegt, es hat keinen Sinn, länger darum herumzureden. Durch seinen teuflischen Schachzug mit diesem verräterischen Baron hat er sich als der Stärkere erwiesen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Innerhalb von fünf Jahren nach Bacons Tod schrieben Galilei und Descartes ihre fundamentalen Werke, den Dialogo und den Discours de la methode, den Beginn der Moderne, mit dem der heillose Weg nach Auschwitz und Hiroshima und die Entschlüsselung der DNS definitiv eingeschlagen wurde. Der alte Goethe hat diesen Lauf der Dinge vorhergesehen, wenn auch mit einem braven, positiven Vorzeichen: Er läßt seinen hundertjährigen Faust als Technokraten enden, der mit Deichen und Kanälen das Meer besiegt, was soviel heißt wie: die Natur in eine menschliche Schöpfung verwandelt. ... ... daß diese verteufelte Technologie auch sehr gute Aspekte hat. Ich denke dabei nicht nur an das Anlegen von Poldern, sondern beispielsweise auch an die Medizintechnik. An örtliche Betäubung, um nur eine Kleinigkeit zu nennen. Oder hast du etwa geglaubt, daß wer auch immer sich einen Backenzahn je wieder ohne Betäubung ziehen lassen würde? Und das kann man ihnen nicht einmal verübeln. Schlimm genug, wenn man Backenzähne hat. Nein, du kannst mir ruhig glauben, es ist hoffnungslos. Über den Körper hat Luzifer den Geist in seine Gewalt gebracht. Unser größter Fehler war, daß wir diesen Mistkerl permanent unterschätzt haben. Wir dachten, alles sei nur halb so schlimm, denn wer sollte sich schon mit dem Chef messen können? Er, wie wir jetzt sehen. Manchmal denke ich - und es fällt mir schwer, das zu sagen -, daß er die Menschen viel besser kennt als der Chef. Der Chef ist ein Idealist, ein großer Schatz, der das Beste für die Menschen will, ohne zu wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Luzifer aber weiß, daß sie lieber Himmel und Erde untergehen lassen würden, als ihr Auto abzumelden. Er hat dafür gesorgt, daß sie jetzt mit Dingen selig sind, und er weiß, daß sie dafür auch noch ihre eigenen Beine abschaffen. Also werden Himmel und Erde untergehen. An Seele wird bei der Menschendämmerung nichts verlorengehen, denn die ist teuflisch verraten, verkauft und zu Maschinen umgeschmolzen. Ein Autofahrer ist kein Fußgänger in einem Auto, sondern eine völlig neue Kreatur aus Fleisch, Blut, Stahl und Benzin. Ein moderner Zentaur, ein Greif, und diese Wirklichkeit gewordenen Fabelwesen sind das einzige, das bleiben wird, weil sie auf Kosten der Natur, des Menschen, von uns und vom Chef entstanden sind. Mit jedem neuen technischen Ding ist das menschliche Leben automatisch sinnloser geworden. Unsere Welt wird, ich sag´s dir, in den eiskalten Flammen seiner eigenen Hölle schließlich nur noch das triumphierende Negativum enthalten, und im Himmel wird die ewige Agonie des Chefs als umherirrendes Nachbild eines einstmals großen Lichts herrschen. ...
Man sieht an diesem Dialog bereits: Der Autor sieht unsere Gesellschaft mit sehr kritischen Augen, und läßt dies die Personen in seinem Buch wortgewandt darstellen. Wissenschaft, persönliche Verhaltensweisen und -Muster, das eigene Verhalten und natürlich die Politik, nichts bleibt ausgespart vom teils zynischen, teils ironischen Blick der Handelnden: Die Goldene Mauer, lautet die Überschrift. Vor der Goldenen Mauer ist alles improvisiertes Chaos, dort wimmelt das Volk im lauten Durcheinander des Alltags herum, und daß dennoch nicht alles drunter und drüber geht, ist der Welt hinter der Goldenen Mauer zu verdanken. Hinter der Goldenen Mauer liegt nämlich wie das Auge des Zyklons die Welt der Macht: in mysteriöser Stille, beherrscht, zuverlässig, übersichtlich wie ein Schachbrett, eine Art geläuterte Welt platonischer Ideen. So ist zumindest das Bild, das sich die Machtlosen vor der Goldenen Mauer davon machen, und bestätigt wird es von all den dunklen Anzügen, den geräuschlosen Limousinen, der Bewachung, dem Protokoll, der perfekten Organisation und der samtenen Ruhe in den Palästen und Ministerien. Aber wer wie Sie und ich tatsächlich einmal jenseits der Goldenen Mauer gewesen ist, weiß, daß das alles nur Schein ist und es bei jeder Beschlußfassung ebenso chaotisch zugeht wie davor, bei allen anderen zu Hause, an der Universität, in Krankenhäusern oder Betrieben. ... Daß es hinter der Goldenen Mauer genauso chaotisch aussieht wie davor, wissen nur die Politiker, viele Beamte und manche Journalisten, aber das Gros der machtlosen Bürger hat davon kaum eine Ahnung. Wer jemals entdecken sollte - was so gut wie unmöglich ist -, wie Politik gemacht wird, der wird für den Rest seines Lebens mit einem Gefühl der Unsicherheit herumlaufen. Wenn dennoch auch hinter der Goldenen Mauer nicht alles im Chaos versinkt, so kommt das einem Wunder gleich: es deutet auf eine wiederum höhere Macht hin. ... Das handelt von der Liebe, aber auch die Goldene Mauer hat etwas mit Liebe zu tun. Sieh mal, was wir hier haben: Welcher Art ist die Goldene Mauer? Die Machtlosen glauben, sie bestehe aus der Stein gewordenen Majestät der Mächtigen, die in manchen Fällen ihrerseits verehrt werden: als Befreier, als König, als Führer. In Wahrheit jedoch ist sie nicht Produkt der Mächtigen, sondern der Machtlosen: Verdinglichung ihrer Verehrung, ihrer Achtung und Furcht. Wenn aber die Machtlosen im Grunde nichts anderes verehren als ihre eigene Verehrung, nichts anderes achten als ihre eigene Achtung und nichts anderes fürchten als ihre eigene Furcht, wodurch sie zugleich von der Macht ferngehalten werden, was bleibt denn dann noch übrig für die Mächtigen ? Was sind sie dann? Ist irgend jemand schon einmal bis hinter die Goldene Mauer vorgedrungen, und was konnte er sehen? Nichts Besonderes. Das Tun ganz normaler Menschen, die weder interessanter noch sonstwie anders sind als die Machtlosen. Sie üben die Macht nicht auf die eine oder andere 'mächtige', unentrinnbare, sozusagen mathematische Weise aus, wie der Machtlose immer glaubt, sondern ebenso chaotisch und improvisierend wie jeder Machtlose, der seine kleinen Angelegenheiten regelt. Dorus und Frans haben das Kabinett während eines Diners gebildet, Churchill und Stalin den Balkan bei einem Drink verteilt. Dennoch - sie müssen irgendeinen Surplus besitzen, den die Machtlosen spüren, denn sonst würde doch jeder, der auf Macht aus ist, mit dem Kopf durch die Mauer wollen. ... Die ganze Gesellschaft ist wie ein Schwamm mit allen Formen der Macht getränkt: der zwischen Mann und Frau, der im Unterricht, im Betriebsleben und gegenüber Tieren, nirgends gibt es keine Macht - aber was ist im Unterschied dazu politische Macht? Politische Macht bedeutet, daß jemand Dinge in Bewegung setzen kann, von denen er nicht die geringste Ahnung hat; daß er sich in einer Position befindet, in der er über das Schicksal von Menschen entscheidet, die er nicht kennt. Manchmal sogar auf Lehen und Jod, und, das nicht selten über den eigenen Tod hinaus. Die Machtlosen sehen den Mächtigen, er aber sieht sie nicht. Das gilt nicht nur für Cäsar, Napoleon, Hitler oder Stalin, sondern auch für unsere eigenen braven holländischen Machthaber… Aber worin besteht nun ihr Surplus, aufgrund dessen sie an der Macht sind? ... Als ich noch Teil der Macht war, hatte ich einmal ein Diner im Elysee-Palast. Mir gegenüber saß ein französischer Soziologieprofessor. Nach der Tischrede von Mitterrand erzählte er, einige seiner Studenten hätten während des Wahlkampfes die Plakate mit den Porträts von Mitterrand und Giscard d'Estaing in irgendeinem zurückgebliebenen Bauerndorf in Thailand aufgehängt. Die Bevölkerung hatte nie von den beiden Herren gehört, und niemand konnte lesen, was auf den Plakaten stand. Am Tag der Präsidentschaftswahl ließen sie sie wählen, und was meinst du? Das Ergebnis entsprach genau dem in Frankreich. ... Als Junge setzte ich Macht mit Besitz gleich. Meine Bücher gehörten mir, aber in höherem Maße Ihnen, und in noch höherem Maße dem Bürgermeister; danach gehörte alles zum zweiten Mal Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Ministerpräsident, aber letztlich gehörte alles in den Niederlanden der Königin. Als Ressortleiter dachte ich, politische Macht sei ausschließlich die Macht des Wortes. Wer die besten Ideen hatte und sie am besten formulieren konnte, hatte die größte Macht. Jetzt weiß ich, daß es erst in dritter Linie um Ideen und Wörter geht, und auch erst in zweiter um den, der sie spricht, um die Person. Sogar das halten die meisten Menschen schon für schrecklich undemokratisch, aber es ist noch viel schlimmer. Macht ist die Macht des Fleisches. Macht ist körperlich. Dieser Tatsache hat noch nie jemand ins Auge zu blicken gewagt. Niemand erwirbt Macht durch das, was er sagt, sein politisches Programm ist ebenso Nebensache wie seine Person; ein anderer kann mit genau demselben Programm kommen, ohne daß etwas geschieht. Macht erwirbt ausschließlich derjenige, der die fleischliche Konstitution besitzt, Macht zu erwerben. Würde er einen anderen Standpunkt einnehmen, beispielsweise das Gegenteil, oder aber das gleiche, nur in einer anderen Partei oder Bewegung, er würde ebenfalls Macht erwerben. ... Der Mächtige ist jemand, der Macht erwirbt, weil er ein physisches Geheimnis hat, aufgrund dessen die anderen sagen: 'Ja, das ist unser Mann' - oder unsere Frau natürlich. Der Surplus ist ausschließlich dieses eine Ding: der Körper. Politik ist weder eine Wirtschaftsbranche, wie Marx dachte, noch eine Unterabteilung der Theologie, wie mein Vater meinte, oder gar der Soziologie, wie viele glauben, Politik ist eine Sache der Biologie. Die Kleinbauern in Thailand haben das wissenschaftlich bewiesen.
Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch, das viele Dinge in Frage stellt und zum Nachdenken anregt.

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